Manchmal geht die Dämmung nicht dort hin, wo sie bauphysikalisch hingehört. Bei einer denkmalgeschützten Fassade, bei einem Fachwerkhaus, bei einer Klinkerfassade, die niemand zerstören will, oder wenn in einer Eigentümergemeinschaft keine Mehrheit für eine Fassadensanierung zustande kommt: Dann bleibt nur die Innendämmung.
Sie hat einen schlechten Ruf, und der ist teilweise verdient. Falsch ausgeführt produziert sie genau die Schäden, die sie verhindern sollte. Richtig geplant ist sie dagegen eine bewährte Lösung mit jahrzehntelanger Praxiserfahrung. Dieser Ratgeber erklärt, was dabei im Bauteil passiert, welche Systeme es gibt und wo die echten Grenzen liegen.
Warum Innendämmung bauphysikalisch anspruchsvoll ist
Eine Außendämmung hält die Wand warm. Die gesamte Konstruktion liegt im beheizten Bereich, Feuchtigkeit kann kaum kondensieren, und Wärmebrücken werden mit überdeckt.
Eine Innendämmung dreht das um. Die Dämmschicht liegt auf der warmen Seite, das Mauerwerk dahinter wird dadurch kälter als vorher. Zwei Folgen ergeben sich daraus. Erstens verschiebt sich der Taupunkt, also die Stelle, an der warme Raumluft auf eine Temperatur unter ihrem Kondensationspunkt trifft, in die Konstruktion hinein. Zweitens fällt die Wand als Wärmespeicher weg.
Kritisch wird es, wenn feuchte Raumluft hinter die Dämmung gelangt und dort an der kalten Mauerwerksoberfläche kondensiert. Genau das passiert an undichten Stellen: bei Steckdosen, an Anschlüssen zu Decke und Boden, an einbindenden Innenwänden und rund um Fenster. Deshalb ist bei einer Innendämmung die Ausführungsqualität wichtiger als die Dämmstoffdicke.
Die drei Systemprinzipien
Am Markt konkurrieren drei grundsätzlich verschiedene Ansätze, mit der Feuchte umzugehen.
Dampfbremsende Systeme verhindern, dass Feuchte überhaupt in die Konstruktion gelangt. Zwischen Dämmung und Raum liegt eine Folie oder eine Platte mit hohem Dampfdiffusionswiderstand. Das funktioniert, solange die Ebene lückenlos ist. Jede Durchdringung, jede nicht verklebte Überlappung und jede nachträglich gebohrte Dübellöcher setzt das Prinzip außer Kraft. Diese Systeme sind die günstigsten und gleichzeitig die fehleranfälligsten.
Kapillaraktive Systeme gehen den umgekehrten Weg. Sie lassen Feuchte zu, transportieren sie aber über die Kapillarwirkung des Materials wieder zur Raumseite zurück, wo sie verdunsten kann. Typische Materialien sind Calciumsilikatplatten und Holzweichfaserplatten mit entsprechendem Putzaufbau. Sie kommen ohne Dampfbremse aus, verzeihen kleine Fehler und sind in der Sanierung von Altbauten der Favorit vieler Bauphysiker.
Feuchteadaptive Systeme sind ein Kompromiss. Eine Spezialfolie ändert ihren Diffusionswiderstand je nach Feuchtegehalt: Im Winter sperrt sie, im Sommer lässt sie Rücktrocknung zu. Das ist technisch elegant, erfordert aber wieder die lückenlose Verlegung der Folienebene.
Welches System passt, hängt vom Mauerwerk ab. Ein Vollziegelmauerwerk mit hoher Kapillarität verträgt kapillaraktive Systeme gut. Ein Fachwerk mit Holz in der Außenwand braucht besondere Sorgfalt und in der Regel eine Berechnung. Ein Betonbau mit dichter Oberfläche stellt andere Anforderungen. Diese Entscheidung solltest du nicht nach Preis treffen.
Dämmstoffe im Vergleich
Die Materialwahl entscheidet über Dicke, Preis und Feuchteverhalten. Die folgende Übersicht zeigt gängige Optionen mit typischen Materialpreisen pro Quadratmeter ohne Verarbeitung.
| Dämmstoff | λ (W/mK) | Materialpreis/m² | Eigenschaft |
|---|---|---|---|
| Calciumsilikat | 0,050–0,065 | 45–90 € | kapillaraktiv, schimmelhemmend |
| Holzweichfaser | 0,038–0,045 | 25–50 € | kapillaraktiv, guter Hitzeschutz |
| Mineralschaumplatte | 0,040–0,045 | 35–60 € | nicht brennbar, mineralisch |
| Mineralwolle (Ständerwerk) | 0,032–0,040 | 10–25 € | günstig, braucht Dampfbremse |
| Polyurethan-Verbundplatte | 0,022–0,028 | 35–70 € | dünn, dampfdicht |
| Vakuumdämmplatte | 0,006–0,010 | 120–250 € | extrem dünn, nicht zuschneidbar |
| Aerogel-Matte | 0,015–0,020 | 150–300 € | sehr dünn, hoher Preis |
Der Lambda-Wert beschreibt, wie gut ein Material Wärme leitet. Je kleiner, desto besser die Dämmwirkung bei gleicher Dicke. Für den gleichen Effekt brauchst du von Calciumsilikat etwa die doppelte Dicke wie von Polyurethan. Das ist der Grund, warum in beengten Räumen oft zu den teuren Hochleistungsdämmstoffen gegriffen wird.
Bei der Innendämmung gilt eine Besonderheit: Mehr ist nicht automatisch besser. Je dicker die Dämmung, desto kälter wird das Mauerwerk dahinter und desto kritischer die Feuchtesituation. In der Praxis haben sich moderate Dicken von 60 bis 100 Millimetern bewährt. Damit erreichst du den Großteil des möglichen Effekts, ohne die Konstruktion zu überfordern. Die ersten Zentimeter bringen ohnehin den größten Gewinn, danach flacht die Kurve stark ab.
Der Preisvergleich, der selten offen ausgesprochen wird
Innendämmung gilt als die günstige Notlösung. Das stimmt beim Materialpreis, aber nicht bei den Gesamtkosten. Rechne fair, dann verschiebt sich das Bild deutlich.
Bei der Außendämmung zahlst du für ein Wärmedämmverbundsystem inklusive Gerüst und Putz etwa 150 bis 250 Euro pro Quadratmeter Fassade. Bei der Innendämmung liegt die reine Dämmleistung mit 80 bis 180 Euro pro Quadratmeter darunter. Nur kommen Posten dazu, die außen nicht anfallen: Räume ausräumen, Elektroinstallation nach vorn verlegen, Heizkörper abbauen und neu setzen, Fensterlaibungen mitdämmen, Fußleisten und Türzargen anpassen, Innenwandanschlüsse ausführen, anschließend tapezieren und streichen. Und drei Wochen lang ist der Raum nicht nutzbar.
Dazu kommt der Flächenverlust. Acht Zentimeter Aufbau auf allen Außenwänden kosten in einem Reihenmittelhaus mit 120 Quadratmetern schnell zwei bis drei Quadratmeter Wohnfläche. Bei einem Marktwert von 4.000 Euro pro Quadratmeter ist das ein Vermögenswert von rund 10.000 Euro. Wie sich Flächen korrekt ermitteln lassen, zeigt unser Ratgeber zum Wohnfläche berechnen.
Unter dem Strich ist die Innendämmung also keine Sparlösung, sondern eine Lösung für Fälle, in denen außen nicht möglich ist. Wer die Wahl hat, dämmt außen. Wenn nur einzelne Bauteile in Frage kommen, ist häufig die Dachdämmung oder eine Einblasdämmung im zweischaligen Mauerwerk der wirtschaftlichere erste Schritt.
Ablauf einer fachgerechten Ausführung
Der Aufbau ist überschaubar, aber jeder Schritt hat seinen Grund.
Untergrund prüfen und vorbereiten. Die Wand muss trocken, tragfähig und eben sein. Alte Tapeten, lose Putze und dichte Anstriche wie Dispersionsfarbe oder Latex müssen runter, weil sie die Rücktrocknung behindern. Salzausblühungen und aufsteigende Feuchte sind Ausschlusskriterien: Erst sanieren, dann dämmen.
Vollflächig ankleben. Bei Plattensystemen wird im Kleberbett vollflächig verklebt, nicht mit Klebebatzen. Jeder Hohlraum zwischen Platte und Mauerwerk ist eine potenzielle Kondensationszone, in der sich Feuchte sammelt und nicht mehr wegtrocknet. Dieser Punkt allein erklärt einen Großteil der Schadensfälle.
Laibungen mitdämmen. Fenster- und Türlaibungen bleiben gern unbehandelt, weil dort wenig Platz ist. Genau dort entsteht dann die kälteste Stelle im Raum. Nutze dünne Hochleistungsdämmstoffe von 20 bis 30 Millimetern, das reicht meist aus, um die Oberflächentemperatur über den kritischen Bereich zu heben.
Anschlüsse an einbindende Bauteile lösen. Innenwände und Geschossdecken, die in die Außenwand einbinden, leiten Wärme nach außen ab. Ein Dämmkeil von 40 bis 60 Zentimetern Länge entlang dieser Bauteile entschärft die Stelle. Ohne diese Maßnahme verlagerst du dein Problem nur, statt es zu lösen. Mehr dazu in unserem Ratgeber zu Wärmebrücken.
Installationen planen. Steckdosen, Schalter und Leitungen gehören vor die Dämmebene. Nachträgliches Bohren durch eine Dampfbremse ist der klassische Weg, ein funktionierendes System zu ruinieren. Wer später eine Küche oder ein Regal an die gedämmte Wand hängen will, sollte das vorher sagen, damit Befestigungsebenen eingeplant werden.
Oberfläche diffusionsoffen gestalten. Auf kapillaraktiven Systemen gehören mineralische Putze und Silikat- oder Kalkfarben. Eine dichte Dispersionsfarbe macht den ganzen Aufbau wirkungslos. Das ist ein Punkt, an dem Jahre später beim Renovieren viel Schaden entsteht, weil niemand mehr weiß, was an der Wand ist.
Wann du die Finger davon lassen solltest
Es gibt Konstellationen, in denen eine Innendämmung auch bei sorgfältiger Ausführung ein hohes Risiko trägt.
- Schlagregenbelastete Westfassaden ohne funktionierenden Wetterschutz. Dringt Wasser von außen ein, kann es nach innen nicht mehr wegtrocknen. Erst die Fassade instand setzen, dann dämmen.
- Aufsteigende Feuchte aus dem Erdreich. Ohne funktionierende Horizontalsperre wird das Problem durch die Dämmung verstärkt.
- Fachwerk mit Holzbalken in der Außenwand ohne Feuchtenachweis. Hier ist eine hygrothermische Simulation nach anerkanntem Verfahren sinnvoll, weil Holz auf dauerhaft erhöhte Feuchte mit Fäulnis reagiert.
- Räume mit sehr hoher Feuchtelast wie Innenschwimmbäder oder gewerbliche Küchen.
- Wände mit starker Salzbelastung. Salze ziehen Feuchte an und zerstören Putze von innen heraus.
In allen anderen Fällen ist Innendämmung machbar. Wichtig ist, dass jemand vorher rechnet. Für rund 300 bis 800 Euro erstellt ein Bauphysiker oder Energieberater eine Beurteilung des konkreten Wandaufbaus. Gemessen an Sanierungskosten im fünfstelligen Bereich ist das die günstigste Versicherung, die du kaufen kannst. Für förderfähige Maßnahmen ist eine Fachplanung ohnehin meist Voraussetzung, die Programme und Sätze ändern sich aber regelmäßig, prüf den aktuellen Stand direkt bei KfW und BAFA.
Nach dem Einbau ändert sich dein Nutzungsverhalten mit. Die Wand speichert weniger Wärme, der Raum reagiert schneller auf Heizen und Lüften, und die Feuchtelast muss zuverlässig abgeführt werden. Ein Blick auf die Luftfeuchtigkeit in der Wohnung gehört deshalb zum Projekt dazu, ebenso wie die Vorsorge gegen Schimmel. Der Effekt auf die Kennwerte im Energieausweis ist übrigens kleiner als oft erwartet, weil nur die Außenwandfläche verbessert wird.
Häufige Fragen zur Innendämmung
Wie dick sollte eine Innendämmung sein?
In der Praxis haben sich 60 bis 100 Millimeter bei konventionellen Dämmstoffen bewährt. Bei Hochleistungsdämmstoffen erreichst du denselben Effekt mit 30 bis 50 Millimetern. Mehr Dicke bringt wenig zusätzlichen Nutzen, erhöht aber das Feuchterisiko im Mauerwerk.
Kann ich Innendämmung selbst machen?
Technisch ist das Ankleben von Calciumsilikatplatten machbar. Die Planung, die Auswahl des Systems und die Detaillösungen an Laibungen und Anschlüssen solltest du trotzdem fachlich absichern lassen. Die meisten Schäden entstehen nicht beim Kleben, sondern bei den Details.
Was kostet eine Innendämmung insgesamt?
Rechne mit 80 bis 180 Euro pro Quadratmeter Wandfläche inklusive Arbeit und Oberfläche. Bei Vakuum- oder Aerogeldämmung können es 250 bis 400 Euro werden. Dazu kommen Nebenarbeiten wie Elektro, Heizkörper und Malerarbeiten.
Geht Innendämmung auch nur in einem Raum?
Ja, das ist sogar der häufigste Fall. Achte dann besonders auf die Anschlüsse zu den ungedämmten Nachbarräumen und ziehe die Dämmung mit einem Keil an einbindenden Wänden entlang.
Wie lange muss die Wand vorher trocknen?
Bei erkennbarer Durchfeuchtung mehrere Monate, gemessen und nicht geschätzt. Eine Feuchtemessung durch einen Fachbetrieb vor Beginn ist Pflicht, alles andere ist ein Blindflug.