Die Vorlauftemperatur ist die Temperatur, mit der das Heizungswasser den Wärmeerzeuger verlässt und zu den Heizflächen läuft. Sie ist die zentrale Stellschraube jeder Heizungsanlage – und gleichzeitig die am häufigsten falsch eingestellte.
Der Grund: Sie ist unsichtbar. Niemand spürt, ob das Wasser mit 45 oder mit 65 Grad durch die Leitungen läuft. Spürbar ist nur, ob es warm wird. Deshalb bleibt die Einstellung oft jahrzehntelang auf dem Wert, den irgendwann jemand bei einer Störung hochgedreht hat.
Vorlauf, Rücklauf und Spreizung
Drei Begriffe gehören zusammen. Der Vorlauf ist das warme Wasser auf dem Weg zu den Heizflächen. Der Rücklauf ist das abgekühlte Wasser auf dem Rückweg. Die Differenz zwischen beiden heißt Spreizung.
Die Spreizung sagt dir mehr über deine Anlage als jede andere Zahl. Ist sie klein – etwa drei bis fünf Kelvin – strömt zu viel Wasser durch die Heizflächen. Es hat keine Zeit, seine Wärme abzugeben, und läuft fast unverändert heiß zurück. Die Pumpe arbeitet unnötig, der Kessel taktet, und bei Brennwertgeräten fällt der Wirkungsgrad spürbar.
Typische Zielwerte liegen bei Heizkörpern zwischen 8 und 15 Kelvin Spreizung, bei Fußbodenheizungen zwischen 5 und 8 Kelvin, bei Wärmepumpen eher bei 5 bis 7 Kelvin. Erreichst du diese Werte nicht, ist meist der Volumenstrom zu hoch – und die Lösung heißt nicht »Vorlauf absenken«, sondern hydraulischer Abgleich.
Welche Temperatur zu welchem System passt
| System | Auslegung Vorlauf/Rücklauf | Typisch bei | Eignung für Wärmepumpe |
|---|---|---|---|
| Hochtemperatursystem | 75 / 65 °C | Altbau vor 1980, kleine Heizkörper | ungeeignet |
| Mitteltemperatursystem | 70 / 55 °C | Bestand 1980 bis 2000 | nur mit Hochtemperatur-Wärmepumpe |
| Niedertemperatursystem | 55 / 45 °C | saniert, große Heizkörper | bedingt geeignet |
| Sehr niedrige Systemtemperatur | 45 / 35 °C | Neubau mit Heizkörpern | gut geeignet |
| Flächenheizung | 35 / 28 °C | Fußboden- oder Wandheizung | ideal |
Diese Werte gelten für den kältesten Tag des Jahres. An einem milden Novembertag arbeitet dieselbe Anlage mit deutlich weniger – dafür sorgt die witterungsgeführte Regelung.
Die Heizkurve verstehen
Eine witterungsgeführte Regelung misst die Außentemperatur und leitet daraus die passende Vorlauftemperatur ab. Der Zusammenhang zwischen beiden ist die Heizkurve. Sie hat zwei Parameter, und beide werden ständig verwechselt.
Die Steilheit bestimmt, wie stark die Vorlauftemperatur bei sinkender Außentemperatur ansteigt. Sie hängt vom Dämmstandard und den Heizflächen ab. Typische Werte: 1,2 bis 1,6 für einen ungeschützten Altbau, 0,8 bis 1,2 für ein saniertes Haus mit Heizkörpern, 0,3 bis 0,6 für eine Fußbodenheizung im Neubau.
Das Niveau oder die Parallelverschiebung hebt die ganze Kurve an oder senkt sie ab – unabhängig von der Außentemperatur.
Die Unterscheidung ist praktisch entscheidend: Ist dir nur bei Frost zu kalt, ist die Steilheit zu gering. Ist dir immer ein bisschen zu kalt, ist das Niveau zu niedrig. Wer beim falschen Parameter dreht, verschlechtert die Einstellung an allen anderen Tagen des Jahres.
So senkst du die Vorlauftemperatur richtig
Das Vorgehen ist einfach, braucht aber Geduld – ein Gebäude reagiert träge, und jede Änderung zeigt ihre Wirkung erst nach ein bis zwei Tagen.
- Ausgangswert notieren. Schreib Steilheit, Niveau und aktuelle Vorlauftemperatur auf, bevor du irgendetwas änderst. So kommst du jederzeit zurück.
- Alle Thermostatventile voll öffnen. Sonst regelst du gegen die Ventile an und misst nur deren Verhalten.
- Steilheit in Schritten von 0,1 senken. Nach jeder Änderung zwei Tage warten und beobachten, ob alle Räume ihre Solltemperatur erreichen.
- Den kritischen Raum identifizieren. Es gibt immer einen Raum, der als Erster zu kühl wird. Er bestimmt die Untergrenze – und ist der Kandidat für einen größeren Heizkörper.
- Bei Frost gegenprüfen. Die Einstellung muss auch am kalten Tag tragen, nicht nur im milden Herbst.
- Erst danach die Thermostate wieder normal einstellen. Sie sind die Feinregelung, nicht die Grundeinstellung.
Ohne hydraulischen Abgleich stößt dieses Vorgehen schnell an eine Grenze: Ein einziger unterversorgter Raum zwingt dich, die Kurve wieder anzuheben – und damit heizt du das ganze Haus zu warm, um ein Zimmer zu versorgen. Genau deshalb gehören Abgleich und Vorlaufabsenkung zusammen.
Der Irrtum: Runterdrehen spart immer
Eine niedrigere Vorlauftemperatur ist fast immer sinnvoll, aber der Effekt fällt je nach Wärmeerzeuger sehr unterschiedlich aus – und das wird selten dazugesagt.
Bei einer Wärmepumpe ist der Hebel gewaltig. Jedes Grad weniger Vorlauf verbessert die Jahresarbeitszahl um grob zwei bis drei Prozent. Von 55 auf 40 Grad sind das gut ein Drittel weniger Stromverbrauch. Hier lohnt jede Anstrengung, und die Wirtschaftlichkeit der Wärmepumpe entscheidet sich fast ausschließlich an dieser Zahl.
Bei einem Brennwertkessel ist entscheidend, ob der Rücklauf unter den Taupunkt des Abgases kommt – bei Erdgas etwa 55 Grad. Liegt er darunter, kondensiert der Wasserdampf und du gewinnst mehrere Prozentpunkte Wirkungsgrad. Liegt er darüber, bleibt der Brennwerteffekt aus, und das Gerät arbeitet wie ein normaler Heizkessel. Der Sprung liegt also nicht linear verteilt, sondern an dieser Schwelle.
Bei einem alten Konstanttemperaturkessel ohne Brennwertnutzung bringt das Absenken dagegen wenig – hier begrenzen Bereitschaftsverluste und Abgasverluste den Gewinn. Wer dort spart, spart im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Der größere Hebel ist dann die Modernisierung der Heizung selbst.
Was die mögliche Vorlauftemperatur begrenzt
Wie weit du absenken kannst, hängt nicht vom guten Willen ab, sondern von drei physikalischen Größen.
Die Heizfläche. Ein Heizkörper gibt bei 45 Grad Vorlauf nur etwa ein Drittel der Leistung ab, die er bei 75 Grad hätte. Wer absenken will, braucht größere Heizflächen – das ist der Grund, warum Flächenheizungen so niedrige Temperaturen erlauben. Ein Heizkörpertausch in einem oder zwei kritischen Räumen kostet 400 bis 900 Euro je Stück und ist oft billiger als eine Dämmmaßnahme mit demselben Effekt.
Die Wärmedämmung. Je weniger Wärme das Gebäude verliert, desto niedriger darf die Systemtemperatur sein. Eine verbesserte Wärmedämmung wirkt deshalb doppelt: Sie senkt den Verbrauch direkt und erlaubt zusätzlich eine effizientere Betriebsweise.
Der Bodenaufbau bei Flächenheizungen. Hier wird es oft übersehen: Der Bodenbelag sitzt als Wärmewiderstand zwischen Heizrohr und Raum. Ein dicker Teppich oder ein ungeeigneter Aufbau zwingt dich, die Vorlauftemperatur anzuheben. Wer Laminat verlegen will, sollte deshalb auf den ausgewiesenen Wärmedurchlasswiderstand achten – als Faustwert sollte der gesamte Aufbau aus Belag und Unterlage 0,15 Quadratmeter Kelvin je Watt nicht überschreiten. Auch die Trittschalldämmung zählt in diese Summe hinein.
Warmwasser ist ein eigenes Thema
Ein häufiges Missverständnis: Die Vorlauftemperatur der Heizung und die Warmwassertemperatur sind zwei getrennte Größen. Du kannst die Heizung auf 40 Grad fahren und trotzdem 55 Grad Warmwasser bereiten – der Wärmeerzeuger hebt dafür kurzzeitig an.
Beim Warmwasser gelten andere Regeln, weil hygienische Anforderungen dazukommen. Speichertemperaturen von etwa 60 Grad sind bei größeren Anlagen üblich, um Legionellenwachstum entgegenzuwirken. Bei kleinen Speichern in Einfamilienhäusern ist die Lage entspannter, aber deutlich unter 50 Grad solltest du nicht dauerhaft gehen. Spare beim Warmwasser lieber über Zirkulationszeiten und Speichergröße als über die Temperatur.
Zusammenspiel mit der Regelung
Eine gut eingestellte Heizkurve macht viele Zusatzfunktionen überflüssig. Das gilt besonders für die Nachtabsenkung: Bei gut gedämmten Gebäuden und trägen Systemen bringt sie oft weniger, als der morgendliche Aufheizvorgang kostet. Bei alten, schlecht gedämmten Häusern mit Heizkörpern kann sie sich dagegen lohnen.
Sinnvoll sind außerdem eine Sommerabschaltung, eine Raumtemperaturaufschaltung im Referenzraum und eine an die Heizkurve gekoppelte Pumpenregelung. Wer alle diese Punkte einmal sauber einstellt, senkt den Verbrauch messbar – und zwar ohne eine einzige Investition. Weitere Ansatzpunkte findest du im Beitrag zum Heizkosten sparen.
Messen statt raten
Bevor du an der Regelung drehst, lohnt eine halbe Stunde Bestandsaufnahme. Du brauchst dazu kein Fachwerkzeug – ein einfaches Anlegethermometer oder ein Infrarotthermometer reicht.
- Vorlauf- und Rücklauftemperatur am Wärmeerzeuger ablesen und die Außentemperatur dazu notieren. Ohne den Außenwert ist die Zahl wertlos.
- An zwei bis drei Heizkörpern die Spreizung messen, einer davon möglichst weit von der Pumpe entfernt. Deutliche Unterschiede zwischen den Heizkörpern zeigen ein unabgeglichenes Netz.
- Raumtemperaturen protokollieren, in jedem Raum an derselben Stelle, etwa in Hüfthöhe und nicht direkt am Heizkörper.
- Die Messung an einem kalten und an einem milden Tag wiederholen. Aus zwei Wertepaaren lässt sich ablesen, ob die Steilheit der Kurve passt.
Aus diesen Daten ergibt sich fast immer ein klares Bild. Hohe Vorlauftemperatur bei kleiner Spreizung deutet auf zu viel Volumenstrom. Große Unterschiede zwischen den Räumen deuten auf fehlenden Abgleich. Und eine Anlage, die im Herbst bereits mit 60 Grad läuft, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit eine viel zu steile Heizkurve.
Häufige Fragen zur Vorlauftemperatur
Welche Vorlauftemperatur ist optimal?
Die niedrigste, bei der alle Räume ihre Solltemperatur erreichen. Ein fester Wert existiert nicht, weil er von Dämmstandard, Heizflächen und Außentemperatur abhängt. Als Orientierung: Fußbodenheizung 30 bis 38 Grad, moderne Heizkörper im sanierten Haus 45 bis 55 Grad, Altbau mit kleinen Heizkörpern 60 bis 75 Grad – jeweils am kaltesten Tag.
Wo stelle ich die Vorlauftemperatur ein?
An der Regelung des Wärmeerzeugers, nicht an den Thermostatventilen. Gesucht sind die Menüpunkte Heizkurve, Steilheit, Neigung oder Parallelverschiebung. Bei älteren Geräten gibt es teilweise nur einen Drehregler für die maximale Kesseltemperatur. Die Bedienungsanleitung deines Geräts ist hier die verlässlichste Quelle.
Wie viel spare ich pro Grad?
Bei einer Wärmepumpe etwa zwei bis drei Prozent Stromverbrauch je Grad. Bei einem Brennwertkessel hängt es davon ab, ob du die Taupunktschwelle unterschreitest – darunter sind einmalig mehrere Prozentpunkte drin, darüber kaum etwas. Bei einem alten Konstanttemperaturkessel ist der Effekt gering.
Warum wird mein Heizkörper trotz hoher Vorlauftemperatur nicht warm?
Meist ist Luft im System oder der Volumenstrom stimmt nicht. Entlüfte zuerst – das ist in zwanzig Minuten erledigt. Bleibt das Problem, fehlt in aller Regel der hydraulische Abgleich. Weiteres Hochdrehen der Vorlauftemperatur behebt die Ursache nicht, sondern erhöht nur den Verbrauch.
Kann eine zu niedrige Vorlauftemperatur schaden?
Dem Gebäude nicht, solange die Räume warm genug bleiben und die relative Luftfeuchte im Rahmen ist. Problematisch wird es erst, wenn Oberflächentemperaturen so weit sinken, dass Feuchtigkeit an Außenwänden kondensiert. Achte deshalb bei starker Absenkung auf regelmäßiges Lüften und beobachte kritische Ecken hinter Möbeln.
Muss ich nach einem Heizungstausch neu einstellen?
Unbedingt. Neue Geräte starten mit Werkseinstellungen, die bewusst hoch angesetzt sind, damit es in keinem Fall zu kalt wird. Das ist der häufigste Grund, warum eine neue Wärmepumpe im ersten Winter mehr Strom braucht als erwartet. Lass die Heizkurve nach der ersten Heizperiode nachjustieren – das kostet eine Stunde und wirkt jahrelang.